Wie zielorientiert wissenschaftlich ist die klassische westliche Medizin?

pixelio Stethoskop 03Unabhängig davon, ob man der klassischen Medizin vertraut oder eher dazu neigt alternative Behandlungsmethoden zu nutzen, bei schwierigeren oder schwerwiegenderen gesundheitlichen Problemen wenden sich viele Menschen letztendlich immer noch der klassischen Medizin zu.

Heute las ich den Artikel “Der betrogene Patient” in dem Magazin “Zeit Wissen” (Ausgabe 04/2007, ein kurzer Auszug ist hier zu finden) zu der Frage woran sich Ärzte bei der Wahl der Behandlungsmethode in der Regel orientieren.

Ich hatte zuvor angenommen, dass Ärzte bei typischen gesundheitlichen Problemen so etwas wie eine zielorientierte wissenschaftliche Standardvorgehensweise nutzen. Dem ist wohl (leider?) nicht immer so. In dem Artikel wird erläutert, dass viele Ärzte auf Ihre persönliche Erfahrung oder Ihr Bauchgefühl hören und sich nicht an die u.a. von Fachgesellschaften vorgegebenen Leitlinien halten.

Ob diese Vorgehensweise so korrekt ist und zur Behandlungsfreiheit der Ärzte gehört oder eher als Behandlungsfehler zu werten ist, wird je nach Zugehörigkeit der Meinungsvertreter unterschiedlich eingeschätzt.

Die in dem Artikel genannten Punkte, die mich unangenehm überrascht haben:

  • Lange hat wohl die Weiterbildung der Ärzte überwiegend im Rahmen von durch die Pharmaindustrie finanzierten Veranstaltungen stattgefunden.
  • Die Akzeptanz und Anwendung von sogenannten Leitlinien der EBM (evidenzbasierte Medizin, das sind auf wissenschaftlichen Studien basierende Empfehlungen) ist anscheinend noch sehr gering.
  • In dem Artikel werden 24 bekannte Erkrankungen aufgelistet, bei denen Ärzte regelmäßig nach streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten wenig wirkungsvolle oder sogar gefährliche Therapien und Eingriffe verordnen.

Ein Beispiel hat mich dabei besonders Beeindruckt: der Bandscheibenvorfall.

Wenn Teile einer Bandscheibe in den Rückenmarkskanal eindringen, spricht man von einem Bandscheibenvorfall. Der kann Schmerzen und sogar Lähmungserscheinungen verursachen, muss es aber nicht. Röntgt man etwa gesunde Menschen ohne Beschwerden, würde man bei jedem Vierten die typischen Zeichen eines Bandscheibenvorfalls finden. Behandelt werden muss er nicht. Wenn aber Patienten starke Schmerzen über Wochen haben, wird oft operiert. Dabei muss man sich im Klaren sein, dass eine Operation zwar eine Besserung bringt, allerdings nur über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren. Danach verschwindet der Effekt, und man erkennt keinen Unterschied ,mehr zwischen operierten Patienten und solchen, denen nur Krankengymnastik verordnet wurde. Die gute Nachricht für alle Betroffenen aber ist: Bei der großen Mehrheit wird es auch ohne jegliche Therapie besser. Was auch daran liegen dürfte, dass sich das Bandscheibengewebe das in den Rückenmarkskanal eingedrungen ist, bei den meisten Patienten innerhalb von sechs Monaten wieder auflöst – ganz von allein.

Diese Information hat mich sehr überrascht, da ich im näheren Verwandten- und Bekanntenkreis einige Personen kenne, die sich mit einem oder sogar mehreren Bandscheibenvorfällen gequält haben. Keiner von diesen hat auch nur annähernd ähnliche Informationen zu dem Thema gehabt. Und dies ist nur ein Beispiel, dass die “üblichen” Verfahrensweisen in ein kritisches Licht taucht.

So rät auch ein Experte in dem Artikel dazu, dass man als Patient am Besten selbst aktiv werden sollte. Zum einen indem man sich nach Möglichkeit selbst über die passenden Leitlinien informiert und zum anderen indem man seinen Arzt auf evidenzbasierte Leitlinien anspricht und z.B. eine Erklärung für Abweichungen von dem empfohlenen Vorgehen fordert.

Eine sehr schöne Zusammenstellung an Links ist unter www.zeit-wissen.de/ebm zu finden. Am besten haben mir die Seiten Gesundheitsinformation.de gefallen.

Informationen zur EBM (evidenzbasierte Medizin) und Leitlinien, die patientengerecht aufbereitet wurden findet man unter:

www.cochrane.de

Unabhängig von dem Dilemma in dem unser Gesundheitssystem steckt: ich finde es schon erstaunlich, dass selbst dort, wo man klassische wissenschaftliche Ansätze vermutet, oftmals gar nicht danach gearbeitet wird. Das macht es für mich als Patienten wesentlich schwieriger zu entscheiden welchen Weg ich gehen möchte, da ich nicht vorbehaltlos darauf vertrauen kann, dass der Arzt mir (zumindest aus der klassischen medizinischen Sicht) die bewährtesten Heilungsmöglichkeiten und deren Risiken aufzeigt.

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Eine Antwort auf Wie zielorientiert wissenschaftlich ist die klassische westliche Medizin?

  1. Ein Grundsatzvorschlag zur wertfreien und objektiven Beurteilung Pro/Contra möglicher Therapieformen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und bewusst vereinfacht dargestellt):

    Grundsätzlich ist ein Arzt sowohl rechtlich als auch ethisch zur bestmöglichen Behandlung seiner Patienten verpflichtet. Bestmöglich beinhaltet bereits eine Wertung dahingehend, dass gewusst werden muss, welche Art der Therapie (Chirurgisch, konservativ/medikamentös, ärztliches Gespräch, Zuweisung zu anderen Professionen wie Psychologe/Psychotherapeut, etc.) die bestmögliche für den Patienten bedeutet.
    Rechtlich zumindest dahingehend, daß sich spätestens aufgrund eines “Kunstfehlers” vor Gericht und gegen einen Gutachter verantwortet werden muss.
    Limitierende Faktoren ergeben sich durch (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) durch die Krankenkassen, fehlendes Wissen, ärztliche Überzeugungen (!?), etc.

    EBM (evidence based medicine) bietet (aufgrund prospektiver, bestenfalls Doppelblind-, Studien) die Möglichkeit dieses Wissen um die beste Behandlungsmöglichkeit für eine bestimmte Erkrankung zu finden. Das heißt konkret, Studien mit verschiedenen Medikamenten (alternativen Methoden,
    etc.) gegen eine bestimmte Krankheit durchzuführen um herauszufinden, welche(s) davon den besten Erfolg bietet.

    Wer nun EBM für die westliche Medizin fordert (was unbeingt der Fall sein muß), sollte also konsequenter Weise auch EBM für alle alternativen Heilverfahren fordern.
    Es wäre doch verwunderlich sich darüber zu beschweren, bei einem Hausarzt “nur” die drittbeste Therapie (aufgrund Unwissenheit? Überzeugung?,…) zu erhalten und sich darauf hin an einen “Naturheiler” zu wenden, welcher zB homöopathisch behandelt wofür es häufig weder Grundlage noch Evidenz gibt.

    Deshalb sollte die Entscheidung n i c h t entweder-oder bzw. pro-contra westlich/alternativ (was auch immer) sein.
    Ganz im Gegenteil möchte ich an dieser Stelle eine i n t e g r a t i v e Herangehensweise vorschlagen, welche es ermöglichen soll objektiv und Wertfrei zu einer Entscheidung für eine geeignete Behandlungsmethode zu kommen.

    Anstatt also ein Spannungsfeld zwischen westlicher Medizin und alternativen Verfahren aufzuziehen, ist es doch zu bevorzugen, alle Therapieformen auf eine gleichbereichtigte Ebene (was auch von den Praktizierenden alternativer Verfahren und (deren) Patienten gefordert wird) mit gleichen Voraussetzungen und Ansprüchen zu stellen.
    Das bedeutet dann, dass jede Therapieform (egal ob westlich oder jede andere) sich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit betreffs einer Krankheit in Studien beweisen muss. Wodurch ein Ranking (mit Bezug auf Nebenwirkungen und Kontraindikationen, etc.) der potentesten Heilmittel ergibt (wie das in der EBM üblich ist).
    Diese sind dann zu wählen ohne Glaubensdiskussionen führen zu müssen.
    Argumentationen alternative Verfahren wären auf diese Weise nicht überprüfbar halten nicht stand, denn diese Argumentation würde dann für alle westlichen Therapien entweder gleichermaßen gelten (was natürlich fatal wäre), und deshalb ist deren Unwirksamkeit zu akzeptieren.

    Dieses Verfahren ist für die westliche Medizin (gottseidank) üblich, woraus sich auch im Artikel angesprochene Leitlinien (der unterschiedlichen ärztlichen Gesellschaften) ergeben. An welche sich natürlich (mit geringgradigen Spielräumen) im Sinne der bestmöglichen Behandlung des Patienten zu halten ist. (die jeweilig juristischen Konsequenzen müssten an dieser Stelle von einer entsprechend kompetenten Person beantwortet werden)

    Wieso sollte diese Vorgehensweise also nicht für alle anderen Therpieformen gelten.

    Deshalb: nicht entweder/oder, sondern bestmögliche, nebenwirkungsärmste Therapie!

    Viele wären übrigens erstaunt, wieviele Naturmittel in der klassischen westlichen Medizin eingesetzt werden (Beispiele: Johanniskraut bei milden Depressionen, neuerdings Propolissalbe in der chirurgischen Nachbehandlung von Wunden, etc.)

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